Unabhängige Schülerzeitung und S-GmbH am Ev. Ratsgymnasium Erfurt
Lade die aktuellen Meldungen ...

„Völlig verrückt, aber lustig.“

von: Pink Panther
30. Mai 2010

Ein Interview mit dem Bürgermeister des „Schlagloch-Dorfes“

Niederzimmern, 1000 Einwohner, ein Dorf auf halber Strecke zwischen Erfurt und Weimar. Vor einigen Monaten war Niederzimmern lediglich ein Dorf wie jedes andere. Bis die Gemeinde beschloss, die Schlaglöcher der sanierungsbedürftigen Straße zu verkaufen – und mit der Kampagne „Teer muss her“ weltberühmt wurde. SPICKER im Gespräch mit dem Ortsbürgermeister Herrn Schmidt-Rose.

SPICKER: Herr Schmidt-Rose, die Straße, die repariert werden soll, ist in einem katastrophalen Zustand. Wie konnte das denn überhaupt passieren?
Herr Schmidt-Rose: Der Untergrund der Straße ist anscheinend sehr schlecht. Die Straße ist damals wahrscheinlich mit nicht viel Aufwand gebaut wurden, man hat einfach den Feldweg als Straße genutzt und später eine Bitumendecke darübergezogen. Wie lang die letzte Erneuerung der Straße zurückliegt, kann ich nicht sagen. Aber das war sicherlich noch zu DDR-Zeiten.

Wie kommt es denn überhaupt dazu, dass das Geld für diese Sanierung fehlt?
Der Schlaglochverkauf war eigentlich gar nicht unbedingt dafür da, um Geld zu bekommen. Das hätten wir sicherlich auch so hinbekommen. Die Idee entstand eher aus dem Ärger über die Löcher. Allerdings können wir im Moment die Straße in der Tat nicht grundhaft erneuern, weil wir momentan auch die Hauptstraße im Ort komplett umbauen. Auf diese Sanierung der Hauptstraße mussten wir sehr lange warten, aber diese Hauptstraße ist für das Dorf nun einmal wichtiger, da auch das Abwasser neu verlegt wurde.

Allerdings wurde „Teer muss her“ in den Medien oft als Aufhänger für die Finanznöte der Kommunen genutzt.
Ich habe das nie unterstützt. Ich bin zwar mit nach außen gekehrten Hosentaschen fotografiert worden, aber gefallen hat mir das nicht unbedingt. Ich sehe diese Aktion nicht als Finanzproblem. Die Idee ist ja eigentlich eine andere.

Wie kam es denn zu der Idee zu „Teer muss her“?
Eigentlich war das eher eine lustige Idee. Ich glaube, nur deswegen hat das überhaupt funktioniert. Alle im Dorf haben sich über die Schlaglöcher geärgert, und ich wurde auch ziemlich oft darauf angesprochen. Eines Abends war ich dann bei einem Geburtstag. Es war eine sehr schöne Atmosphäre, und viele Leute aus dem Dorf, die sich auch aktiv beteiligen, waren da. Und da sagte einer zu mir: „Dann verkauf die Schlaglöcher doch einfach!“ Da habe ich einfach gesagt, versuchen wir ?s mal. Und da waren alle sofort dabei. Der eine sagte gleich, ich kümmere mich um die Website, der andere wollte gleich einen Song dazu machen. Und dann ging ?s los. Samstagabend kam uns die Idee, Sonntag haben wir Fotos gemacht, und Montag rief schon der MDR an und wollte einen Film darüber machen. Ich habe dann auch noch mal meine Tochter gefragt, ob wir das jetzt machen sollen oder nicht, und sie meinte nur: „Das ist zwar völlig verrückt, aber lustig.“ Auch die Lokalzeitungen hatten am nächsten Tag schon einen Bericht abgedruckt. Und dann ging dasallesrasendschnell.Erstriefen alle Radiosender an, dann welche aus Sachsen, schließlich kamen Anrufe aus Hamburg, Kiel, aus Bremen und Berlin. Im Büro wurde ich schon gefragt, wann der erste Auslandsanruf kommt, und prompt rief am Abend ein Österreicher an. Am Mittwoch und Donnerstag stand das Telefon dann überhaupt nicht mehr still. Da riefen der SPIEGEL an, die Süddeutsche, Deutschlandfunk wollte ein Interview haben. Es kam auch ein Anruf aus London von einer Zeitung aus Australien und aus Berlin für eine Zeitung aus Japan. Das ging rasend schnell. Die BBC wollte einen Film drehen, das russische Fernsehen hat angerufen, die Tschechen. Und viele andere.

Bürgermeister als Vollzeitjob?
Ja, zwischenzeitlich habe ich mir auch die Nachmittage und zwei ganze Tage freigenommen, weil so viele Anrufe kamen. Ich konnte kaum in Ruhe Auto fahren, weil irgendjemand immer etwas wollte. Auf unserer Internetseite kann man auch sehen, wo überall berichtet wurde. Sogar in der New York Times ist zwei Mal etwas erschienen. Das eine war eine sehr schöne Glosse, in der der New Yorker Bürgermeister Schlaglöcher flickt und schließlich feststellt, dass er diese Löcher schon letztes Jahr zugemacht hat. Als er dann die Niederzimmerer Internetseite liest, beschließt er, seine Schlaglöcher auch zu verkaufen. Aber dann sieht er ein, dass es für New York doch nicht so das Richtige ist, weil die Straßenbelastung in New York etwas höher ist als hier.

Warum hat denn die Aktion so viel Aufmerksamkeit erregt?
Da kommen sicherlich mehrere Faktoren zusammen. Auf der einen Seite sind Schlaglöcher in Deutschland gerade überall ein Thema. Viele Kommunen haben dieses Problem. Auf der anderen Seite glaube ich, dass dieses NichtKommerzielle, das Lustige im Vordergrund gut angekommen ist. Journalisten sind offensichtlich auch daran interessiert, mal etwas Lustiges zu thematisieren und nicht immer nur Ernstes. Es gab auch kaum Leute, die unsere Aktion nicht gut fanden oder den Spaß nicht verstanden haben. Sogar der Innenminister Herr Huber hat ein Schlagloch gekauft. Frau Lieberknecht wurde sogar beim Bundesrat darauf angesprochen.

Also haben Sie auch sicherlich nicht damit gerechnet, dass das so eine große Sache wird?
Nein. Wenn ich mit sowas rechnen könnte, dann sollte ich besser was anderes machen. Ich mache das hier gerne, aber das war überhaupt nicht zu denken gewesen. Ich hätte gedacht, da wird ein wenig drüber geschmunzelt und der ein oder andere schaut mal auf die Internetseite und es steht vielleicht mal in der Zeitung und das war’s. Aber dass dadurch der Name Niederzimmern weltweit verbreitet wird, hätte ich absolut nicht erwartet.

Welche war denn die ungewöhnlichste Anfrage?
Das schönste war eine Anfrage von der Insel Barbados. Ein Einwohner von Barbados wollte ein Schlagloch kaufen, das genauso aussieht wie die Insel. Und dann kamen natürlich immer solche Fragen, ob man denn das gekaufte Schlagloch auch offen lassen könne oder Blumen hineinpflanzen. Mir wurde sogar vorgeworfen, ich würde zur Umweltvergiftung aufrufen, da der Stoff Teer umweltrechtlich nicht zulässig ist. Der deutsche Asphaltverband hat mich in einem Brief auch darauf hingewiesen, dass die Formulierung „das geteerte Loch“ durch „asphaltiertes Loch“ ersetzt werden sollte. Das habe ich dann natürlich auch getan. Aus China kam sogar eine Anfrage, ob wir denn nicht unsere Internetseite auf Chinesisch anbieten könnten. Das hat aber nicht funktioniert. Vor kurzem war auch eine Gruppe Journalisten aus Südamerika zu Besuch, die vom Auswärtigen Amt zu einem Austausch eingeladen worden waren. Die Gruppe war vorher in Buchenwald gewesen, und um einen gewissen Ausgleich zu den drückenden Erlebnissen von Buchenwald zu schaffen, wurde die Gruppe dann noch hierher geführt.

Denken Sie, dass es noch „Nachahmer“ geben wird?
Ich habe im Moment nur von Krakau und einer Gemeinde in Süddeutschland gehört, dass sie das auch ausprobieren wollen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das funktioniert. Das war einmal eine Idee und das funktioniert sicher nicht nochmal.

Haben Sie die Schlaglöcher mal gezählt?
Nein, aber die TA hat es wohl mal versucht. Wir haben aber insgesamt 257 Schlaglöcher verkauft. Teilweise haben Leute auch gleich mehrere Schlaglöcher gekauft. Also können wir etwa zehntausend Euro für die Sanierung der Straße ausgeben. Es bekommt auch jeder eine Plakette, aber die Plaketten werden nicht einzeln auf der Straße verteilt. Das wäre zu gefährlich. Es wird aber eine große Granitplatte am Straßenrand aufgestellt, in die alle Plaketten eingelassen werden. So können sich die Plaketten nicht ablösen und die Autos beschädigen.

Könnte es sein, dass es Ihnen im nächsten Jahr dann genauso geht wie dem New Yorker Bürgermeister und Sie feststellen müssen, dass Sie dieses Schlagloch im letzten Jahr schon einmal geflickt haben?
Ja, das könnte wohl passieren.

Am 19. April begannen schließlich die Baumaßnahmen. Jedes Loch wurde geflickt und anschließend mit einer dünnen Bitumendecke versehen. Außerdem fand am 30.04. ein großes Straßenfest statt, zu dem die Straße offiziell eingeweiht wurde, so dass alle Autofahrer nun wieder beruhigt sein können.

Tags: ,

Rubrik: Feuilleton | RSS 2.0 | Trackback

Comments

blog comments powered by Disqus